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Vor 90 Jahren: Mord an Dr. Erich Klausener - Zum Gedenken an einen großen Mann

30. Juni 1934, Berlin, Reichsverkehrsministerium: von hinten tödlich getroffen, stirbt Dr. Erich Klausener. Wer war dieser Mann, der sich als Landrat des Kreises Adenau um die Menschen unserer Region sehr verdient gemacht hat und der am 30. Juni vor genau 90 Jahren von den Nationalsozialisten kaltblütig erschossen wurde?



Erich Josef Gustav Klausener wurde am 25.1.1885 in gutbürgerlichen Verhältnissen in Düsseldorf geboren. Nach dem Abitur 1903 studierte er in Bonn, Berlin und Kiel Jura mit dem Ziel, Landrat zu werden. In seiner Promotionsschrift über „Das Koalitionsrecht der Arbeiter“ verteidigt Klausener das Recht der Arbeiter auf Gewerkschaften, um sich (in Zeiten der 72-Stunden-Woche!) vor der Ausbeutung durch die Unternehmer zu schützen. In dieser Dissertation kommt ein bestimmendes Merkmal seines gesamten Wirkens zum Ausdruck: seine in christlicher Überzeugung wurzelnde Parteinahme für den notleidende Mitmenschen.

Nach seiner Entlassung aus dem Kriegsdienst übernahm Erich Klausener im Oktober 1917, in der Endphase des 1. Weltkriegs, das Amt des Landrats im Kreis Adenau, der als das Armenhaus Preußens galt. (Der Landkreis Adenau mit den Ämtern Adenau, Antweiler, Brück, Kelberg, Kempenich und Virneburg war 1816 in der Folge des Wiener Kongresses im Zuge der Neuordnung des Rheinlands durch Preußen gebildet worden und bestand bis 1932.) In seiner kurzen Amtszeit hatte Klausener mit großen Herausforderungen zu kämpfen: der bitterarme Kreis musste den Rückzug der deutschen Truppen am Ende des 1. Weltkriegs über sich ergehen lassen, ihnen folgten die amerikanischen Besatzungstruppen; eine große Überschwemmung und ein schweres Eisenbahnunglück bei Hönningen erforderten Klauseners ganzen Einsatz. Sein umsichtiges und engagiertes Handeln brachten dem Landrat die Anerkennung der Amerikaner ebenso ein wie die Hochachtung der Bevölkerung.

Schon 1919 führte Klauseners Lebensweg nach Recklinghausen, dem damals größten preußischen Landkreis. Durch sein engagiertes Eintreten für die Rechte der Arbeiter erwarb er sich den Namen „roter Landrat“ (und das als Politiker der konservativen Zentrums-Partei!), weil ihm sein Einsatz des Öfteren den Beifall der Kommunisten und den Widerstand aus Unternehmerkreisen verschaffte. Wegen seiner großen Fähigkeiten wurde Klausener 1924 als Ministerialdirektor in die Hauptstadt Berlin berufen. Dort arbeitete er zunächst im Wohlfahrtsministerium, von dem aus er den Bau des Nürburgrings unterstützte, und dann als Leiter der Polizeiabteilung im Innenministerium. In Berlin engagierte sich Klausener über seinen Beruf hinaus besonders als ehrenamtlicher Vorsitzender der Katholischen Aktion Berlin. Dort organisierte er seit der Zeit der Weltwirtschaftskrise 1929 zahlreiche Hilfsaktionen für die in Not geratene Bevölkerung. Klauseners Popularität wuchs durch seine erfolgreiche praktische Arbeit und durch seine vielbeachteten Auftritte als wortgewaltiger Widersacher der nationalsozialistischen Kirchen- und Rassenpolitik, zuletzt auf einem Berliner Katholikentag 1934.



Klauseners Einfluss missfiel den Nationalsozialisten erheblich, die 1933 mit ihrer Machtübernahme das düsterste Kapitel der deutschen Geschichte einleiteten. Seine Versetzung vom Polizeichef im Innenministerium, als der er sich durch die Bekämpfung nationalsozialistischer Umtriebe viele einflussreiche Feinde in der neuen Regierung gemacht hatte, in die politisch wenig sensible Schifffahrtsabteilung des Reichsverkehrsministeriums konnte Klausener jedoch nicht mundtot machen. Mit seiner Brandmarkung als „gefährlicher Katholikenführer“ verhängten die Nationalsozialisten daher insgeheim sein Todesurteil - und warteten auf den Tag, an dem ihre Macht gefestigt genug war, um ihre scheindemokratische Maske herabzureißen.

Am 30. Juni 1934 war es soweit: am Tag des von der NS-Propaganda so genannten „Röhm-Putsches“ holten die braunen Herrscher zu einem blutigen Schlag aus, dem auch der unliebsame Klausener mit 84 anderen vermeintlichen oder tatsächlichen Regimegegnern zum Opfer fiel. Am Morgen dieses denkwürdigen Tages erteilte Gestapo-Chef Reinhard Heydrich mit Rückendeckung Hermann Görings dem SS-Hauptsturmführer Kurt Gildisch den Befehl, den „Fall Klausener“ zu übernehmen und ihn persönlich zu erschießen. Mit einigen Schergen eilte Gildisch ins Verkehrsministerium. Dort eröffnete der SS-Mann dem ahnungslosen Klausener, ihn wegen „staatsfeindlicher Umtriebe“ verhaften zu wollen. Als Klausener zum Mantel griff, wurde er hinterrücks erschossen. Um den Mord zu verschleiern, meldete Gildisch Klauseners Tod als Selbstmord. Da der Suizid in der christlichen Kirche als schwere Verfehlung galt, versuchte man, ihn durch diese Darstellung besonders auch in Kreisen seiner katholischen Anhängerschaft zu entehren. Um weitere Untersuchungen über den wahren Tathergang zu verhindern, ließen die Nationalsozialisten Klauseners Leichnam einäschern.

Als überzeugter Christ hatte Klausener den Nationalsozialismus in vielen Kernpunkten abgelehnt. Im Unterschied zu den Widerstandskämpfern des 20. Juli 1944 setzte Klausener zwar nicht bewusst sein Leben ein, um Deutschland von einer Tyrannei zu befreien, deren ganzes Grauen sich erst in den Jahren nach seinem Tod enthüllen sollte. Sein großes Ansehen jedoch und seine Charaktereigenschaften, von denen besonders Durchsetzungskraft, Geradlinigkeit und Standvermögen hervorgehoben werden, machten Klausener offenbar in den Augen der Nationalsozialisten zu einem gefährlichen Mann, den es frühzeitig auszuschalten galt.



Während seine Mörder Göring, Heydrich und Gildisch ihrer Strafe nicht entgehen konnten, blieb das ehrende Andenken an Dr. Erich Klausener an den Stätten lebendig, an denen er sich für die Menschen seiner Zeit eingesetzt hatte: in Berlin, in Recklinghausen und in Adenau, wo 1966 das Gymnasium nach ihm benannt wurde, um die Erinnerung an sein Lebenswerk an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben. Dort fühlen sich viele bis auf den heutigen Tag einer seiner biblischen Maximen verpflichtet: „Bemüht euch um das Wohlergehen des Landes, denn auf seiner Wohlfahrt beruht auch euer eigenes Wohl“.

Und gerade in unserer Zeit, in der die Demokratie von Extremisten verschiedenster Couleur angegriffen wird, ist Klauseners Ermordung eine Warnung an uns alle, die Feinde unserer demokratischen Ordnung nie zu unterschätzen: Sie kommen als Wölfe im Schafspelz und nutzen die Freiheiten unseres Staates aus, um ihn von innen auszuhöhlen. Und wenn sie erst die Maske fallen lassen, kann es für Widerstand zu spät sein …

 

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